24. KAPITEL

Als Willow am nächsten Morgen ins PZ kam, entdeckte sie Oz vor dem Snack-Automaten. Er trug seinen Arm in einer Schlinge. Als er sie hereinkommen sah, hellte sich sein Gesicht auf.

„Oh. Hey", begrüßte er sie. Dann fischte er eine Schachtel aus dem Schacht des Automaten und hielt sie ihr hin. „Animal Crackerl"

„Nein, danke", lächelte Willow. „Wie geht's deinem Arm?"

„Plötzlich gut."

„Kannst du jetzt noch Gitarre spielen?"

Oz zuckte mit den Schultern. „Nicht sehr gut - aber auch nicht schlechter als vorher."

Sie gingen gemeinsam den Flur entlang. Oz hatte Mühe, die Crackerschachtel zu öffnen. Willow überlegte, wie sie formulie ren sollte, was sie ihm sagen wollte.

„Weißt du", begann sie mutig, „ich habe mich noch gar nicht richtig bei dir bedankt."

Oz sah ein wenig verlegen drein. „Ach, bitte nicht. Ich hasse dieses Danke sagen. Ich werde dann immer ganz rot und muß die Schule schwänzen. Das ist nicht so toll."

„Dann vergiß die ganze Sache", sagte Willow. Sie nahm ihm die Schachtel aus der Hand, riß sie auf und gab sie ihm zurück. „Besonders den Teil, wo ich dir sozusagen mein Leben verdanke ..."

„Guck mal", unterbrach Oz sie verlegen. Er fischte ein Plätzchen aus der Schachtel. „Der Affe. Er trägt ein Hütchen. Und Hosen."

Wieder mußte Willow lächeln. Seine Ablenkungsmanöver amüsierten sie.

„Ja”, stimmte sie zu. „Ich seh's.”

„Der Affe ist das einzige Tier in dieser Schachtel, das Kla motten anhat, wußtest du das?” belehrte Oz sie, dann sagte er unvermittelt: „Du hast das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe.”

Willow erschrak, aber Oz fuhr unbeirrt fort.

„Und so frage ich mich: Fühlen sich die anderen Tiere nicht vielleicht benachteiligt? Stell dir mal vor, das Nilpferd sagt:

,Mann, wo sind denn meine Hosen? Ich habe doch auch meine Nilpferdwürde'.”

Lachend entfernten sich die beiden.

Xander lief den Flur entlang, als er plötzlich Cordelia sah. Als sich ihre Blicke trafen, drehte sich jeder auf dem Absatz um und stürmte in die andere Richtung davon. Doch dann blieb Xander stehen. Er drehte sich wieder um und lief Cordelia hinterher.

„Wir müssen reden”, sagte er ernst, als er sie eingeholt hatte.

Ehe Cordelia antworten konnte, hatte er sie in ein leeres Klassenzimmer geschoben.

Dort warfen sie einander aus gehörigem Abstand argwöhnische Blicke zu.

„Okay”, fing Xander an. „Folgendes: Es gibt keinen Grund, warum wir immer wegrennen müssen, wenn wir uns irgendwo auf dem Flur sehen.”

„Stimmt.” Cordelia nickte nachdrücklich. „Okay.” Sie überlegte einen Moment. „Und warum sollten wir nicht rennen?”

Xander holte tief Luft. „Was da passiert ist... Also, es gibt eine ganz vernünftige Erklärung dafür. .. ”

„Du bist ein Perverser?”

„Ich?” Xander blickte sie erschrocken an. „Wenn ich mich recht erinnere, warst du doch diejenige, die mich angesprungen hat!”

„So ein Quatsch! Du hattest das wahrscheinlich schon seit Monaten geplant.”

„Na klar. Ich habe einen lettischen Wurmmann angeheuert, der Buffy umbringen soll, bloß weil ich darauf scharf war, dich einmal zu küssen!” Er klang fassungslos. „Ich mache dir ja nicht gern deine Seifenblasen kaputt, aber du inspirierst mich nicht gerade dazu, dir ein Abendessen in Bucky's Fondue Hut zu spendieren.”

„Dann ist es ja gut!” gab Cordelia zurück. „Wie auch immer. Es geht nur darum, daß du es nie mehr versuchst...”

„Ich hab es nicht versuche. Vergiß diese Würmer. Allein der Gedanke an deine Lippen auf meinen läßt mir das Blut gefrieren . ..” „Wenn du es wagst, ein Wort davon zu erzählen ...”

„Als ob ich jemals auch nur auf den Gedanken käme!"

Cordelia warf den Kopf zurück. „Dann ist es also vergessen?"

„Ist nie passiert", sagte Xander mit Nachdruck.

„Gut." Cordelia grinste.

„Gut!"

Sie fielen einander in die Arme.

Vor der Sunnydale High spazierten Buffy und Kendra auf die Straße zu.

„Danke für das Shirt", sagte Kendra. Sie trug eines von Buffys trägerlosen Tops, das ihr erstaunlich gut stand. „Das ist sehr großzügig von dir."

Buffy lächelte sie freundlich an. „Oh, ähm, mir steht es besser, aber mach dir nichts draus."

Das Verhältnis zwischen ihnen hatte sich entspannt. Kendra lächelte sogar über die Beleidigung.

„Also, wenn du zum Flughafen kommst..." fing Buffy an, aber Kendra wußte schon, was sie sagen wollte.

„Dann steige ich ins Flugzeug. Und setze mich auf meinen Platz. Nicht in den Gepäckraum."

Buffy nickte. „Sehr gut."

„Das ist dann aber keine Undercover-Reise", gab Kendra zu bedenken.

„Ganz genau", bestätigte Buffy. „Entspann dich mal. Du hast es dir verdient. Du sitzt bequem auf deinem Platz. Knabberst Erdnüsse. Siehst dir einen Film an - außer es ist einer über einen Hund oder mit Chevy Chase."

„Ich werde dran denken."

Sie blickten zum Bordstein, wo Kendras Taxi wartete. Buffy sah Kendra lange und forschend an.

„Ich danke dir", sagte sie schließlich. „Weil du mir geholfen hast, Angel zu befreien."

Kendra schaute amüsiert. „Ich werde meinem Wächter nichts davon erzählen. Es ist schon seltsam, wenn eine Jägerin einen Vampir liebt."

„Da sagst du was."

„Und doch", meinte Kendra, „er ist schon toll."

„Dann werden sie mich wohl nicht feuern, weil ich mit ihm ausgehe."

Kendra schien Buffy genau zu studieren. „Du tust das echt immer!" „Was?"

„Du redest darüber, als ob es eine Art Job wäre. Das ist es aber nicht. Du bist die Jägerin."

Buffy blickte zu Boden. Dann sah sie Kendra an. „Hast du das aus dem Handbuch?"

Kendra schüttelte den Kopf. „Von dir."

„Ich schätze, ich kann nicht dagegen ankämpfen", sagte Buffy. „Bin nun mal eine Laune der Natur."

„Aber nicht die einzige."

Buffy fixierte Kendra, dann schüttelte sie den Kopf und grinste. „Nicht mehr."

Ein unbehagliches Schweigen entstand. Instinktiv trat Buffy einen Schritt vor, um Kendra in die Arme zu nehmen, aber die andere Jägerin wurde plötzlich ganz steif und wich zurück.

„Ich mag das nicht."

„Nein", meinte Buffy verlegen. „Gut so. Ich hasse das auch - dieses sentimentale Getue."

Sie sah zu, wie Kendra ins Taxi stieg. Der Wagen fuhr los.

Sie blickte ihr nach, bis sie außer Sicht war.


EPILOG


Das Feuer war endlich erloschen.

In der alten Kirche war alles verbrannt. Zwischen den angekohlten Trümmern hing grauer Qualm.

Sie wirkte wie ein Grab.

Doch als die stockfinstere Nacht dem Zwielicht der Morgendämmerung wich, wurde die Stille durch einen Laut gestört. Ein leises Stöhnen tönte aus den rauchenden Trümmern der Orgelempore. Und eine bleiche, rußgeschwärzte Hand tastete sich unter dem Gebälk hervor.

Drusilla streckte ihre Hand aus.

Sie griff fest zu und begann mit aller Kraft zu ziehen.

Sie war nun wieder ein kräftiger Vampir - strotzend vor Stärke und Gesundheit. Mühelos räumte sie die verkohlten Trümmer beiseite, bis sie endlich Spike entdeckte, der darunter begraben lag.

Sein Körper war schlaff. Das Feuer hatte ihn gräßlich zugerichtet.

Drusilla beugte sich über ihn und wischte ihm vorsichtig die Asche aus dem Gesicht. Nun sah sie, daß er immer noch atmete. Er war bewußtlos, aber er lebte.

„Keine Sorge, mein Herz”, flüsterte sie. „Ich werde dafür sorgen, daß du wieder stark wirst.”

Sie spürte ihre eigene Kraft wie eine mächtige Welle. Sie nahm Spike auf einen Arm und hob ihn hoch, als sei er ein Spielzeug.

„So stark wie ich”, versprach sie ihm, als sie ihn aus der Kirche trug.

Und sie lächelte.


DIE CHRONIKEN: EPILOG


Asche zu Asche ... Staub zu Staub ...

Angel kniete neben den verkohlten Überresten der Orgelempore. Er nahm etwas Asche vom Boden auf und ließ sie durch seine Finger rieseln.

Es war noch nicht vorbei.

Er wußte, daß Spike und Drusilla irgendwo dort draußen waren und auf eine neue Gelegenheit warteten. Und dann würden sie gefährlicher sein als je zuvor.

Meine Schuld, dachte er traurig. Das ist alles meine Schuld.

Er spürte immer noch, wie der Dolch in seine Hand gefahren war, er spürte das Weihwasser, das ihm die Brust verätzt hatte. Er entsann sich der Benommenheit, die ihn überkommen hatte, und der Hilflosigkeit, als er Buffy in der Kirche um ihr Leben kämpfen sah und ihr nicht helfen konnte.

Meine Schuld, dachte er wieder und kämpfte gegen die Tränen an.

Seinetwegen hatte Buffy ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Seinetwegen hatte Drusilla das ihre für immer verloren. Und hatte er im Laufe seines Lebens nicht schon genug Qualen erlitten - mußte er jetzt auch noch Buffy mit hineinziehen?

Asche zu Asche ...

Liebe ist eine Gefahr, mahnte er sich. Sie schwächt die Menschen, vernebelt ihnen den Instinkt, macht sie verwundbar.

Staub zu Staub...

Liebe konnte nur zu Tragödie und Verzweiflung führen.

Oh, Buffy...

Langsam stand er auf.

Leise schlich er durch die finstere Ruine und schlüpfte hinaus in die Nacht.

Nein, Liebe war ein Luxus, den weder Buffy noch er sich leisten konnten.

Nicht, wenn sie überleben wollten.

07 - Die Angel Chroniken 2
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